denkweise

                            die glaskugel

spiegelhaut! so glasig, gebogen,
mal glänzend gewölbt und klar,
ein schimmern! durchzogen
von furchen, ganz und gar
ein antlitz, gelogen
welches sanft betrügt
damit ´s dem betrachter,
und dessem sinn genügt..

du scheinbar wahre spiegelwelt
von gold´ner patina erhellt,
was normal gesehen,
wirkt heut oft fad,
und wenn man nicht nur
optisch putz bejaht?
so gilts, ab und zu
an glanz zu gewinnen:
durch phantasie und farbe,
schrift, gehaltenes sinnen,
dies ist es,
was ich hier gewänn:
den lebensquell
den ich denken nenn.

abwegig

Sollte man
tatsächlich
den richtigen Weg
herausfinden wollen
unter so vielen,
wo er doch
nur von aussen
betrachtet
im Ganzen
sich erbaut?
Ein Schritt daneben
wäre ja dann ein
Werkzeug
zu seines Laufes
Korrektur.

 

flüstersteine

behau´ne, moosgrüne flüstersteine
reiben meinen blick
gehauen in der zeiten weite,
drehn sich nicht zurück.
wachen an manch stillem ort
blick nach innen
nicht ein wort
will von den lippen rinnen.

und je mehr ich ihnen
zur seite steh
je tiefer ich
in anmutsmienen seh,
überkommt mich eine ahnung,
wie klein das leben
doch sein kann

 

so steht dieser stein zur mahnung
überdenk es eben,
dann und wann.

und so nehm ichs mir zu herzen
wenn ander´ pein mich rührt
mich kann es ebenso schmerzen
wenn die tage nicht glückgeführt
wenn das schicksal böses meint
und der welt gebornes weint.

und eine melancholische weise
spinn ich menschen, solchen mir lieben
auf die stille steinerne weise
auch sie wärn gern noch hier geblieben.


                         gewachsener rahmen

ein fenster darbt hier, vom schicksal verlacht,
weil es kaum zum sehen genutzt
so erbarmt sich der efeu, der macht
dass was bisher ungeputzt,
nun gesetzt in lebend-grüne borde,
geschmückt für lernenden blick ohne worte.

wir sollten für uns diese szene nachahmen,
dann kehrt der wahre sinn des fensters zurück.
der besagt: hier kann man zu sehen beginnen
nach aussen, und genauso behende nach innen.

 

hautkontakt

ein haus
aus rosa und gelbem weich
beschimmert die
netzhaut beim blicken

durch adern fliesst es
rot und bleich
bei wundung
so will es sich dicken

es ist diese hülle
zum schutze
gegeben
um uns, bedeckend, gehüllt

der blick
die berührung
der anderen leben
hat es mit fühlen gefüllt

 

keiner da draussen
ahnt
was im innern
des refugiums entsteht

 

wenn kanten sie stossen
wenn mäuler wimmern
wenn draussen
das liebste vergeht.

man hat viel gedanken
und wird auch mal kranken
die ahnung des kommens
wiegt schwer

und wenn der tag kommt
dann schleicht aus der hülle
das leben
und kommt niemals mehr.

drum nimm dich beim wort
kehr aus diesem ort
öffne dich,
so oft es nur geht

denn was du im kopfe
der andern belässt
ist dein du
das doch nicht vergeht.

 


          Innig

Höchste
Gedanken
kreisen
nicht
Kopf-über
noch
über-Haupt,
sind sie
doch
uns inne
und
kommen
aus dem
Tiefsten

 

                              Paradox

Sollte je
die Möglichkeit
der ewiggleichen
Zufriedenheit
bestehen,
wäre dies
schon wieder
die wachsende
Schwester
des doch
beklemmenden
Gleichmasses

 

selma meerbaum-eisinger´s worte

vor kurzem, des herbst´s geschah es
da las ich ein neues gedicht,
dabei, es war mir ein so nahes,
der dichterin schicksal, ich sah es
danach weilt ich still, wie lange nicht.

all meine gedanken gingen
kreisten um diese junge maid
sie konnt so von liebe singen
von lebensvollen, schönen dingen
ohn acht auf der häscher kleid.

voll liebe stand sie aufrecht dort,
eingehüllt in dies schmutzig-grau
an diesem mörderischen hasser-ort
als wär es auch ein lyrischer hort
und sprach von blumen so blau.

ach, selma, was blutet mir das herz,
fast kind noch, und dennoch gross,
in ihr blüht es, als wär es grad erst märz
ach, tief sticht mich der geschichte schmerz.
zu was sind hasser fähig bloß.

hass gegen diesen schönen geist
durch menschen mit hasspein-nöten,
welche diese ergriff, bis sie vergreist,
ihnen nur des mordens wege zeigt´
diese stahlen ihr leben beim töten.

was werden deine kinder sagen,
die noch irren, selma, ungeboren!
wir müssen hier vertretend klagen,
müssen es allen zum kopfe sagen,
ein mord bleibt nie ungeschoren.

durch deine junge friedenshand
wieviel blätter glitten, gelb und rot,
zur weisheit zieh´n oft  jahre ins land
du hast alle welt so früh schon erkannt
jetzt schweigst du, und ich bin tot.


anmerkung: Selma Merbaum - so der Name im jüdischen Geburtsregister und in allen Schulunterlagen und Zeugnissen - (* 5. Februar 1924 in Czernowitz, Bukowina; † 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka in der Ukraine) war eine deutschsprachige Dichterin, die als verfolgte Jüdin achtzehnjährig an Fleckfieber starb. Ihr Werk wird mittlerweile zur Weltliteratur gezählt. (wikipedia)

 

                      timing

hattet ihr auch schon einmal das gefühl,
zu früh zu spät gewesen zu sein?
wart ihr schon einmal zu spät,
um früher zu sein?

hattet ihr schon einmal das gefühl, zu schnell langsam,
zu langsam schneller geworden zu sein?

wart ihr schon einmal zu laut,so dass es unerhört?
wart ihr schon einmal so leise, dass es schrie?

erschien alles schon einmal so unwahr,
dass hier alle logig unlogisch erschien?

hattet ihr auch schon einmal angst davor,
genau das zu verpassen, was sicher nie ward geschehn?

 

tagesbeginn

ein tag befruchtet
je nach laune
des weges richtung
an seinem start

dort man richtet
seine süchte
nach den wünschen,
oft genarrt

und so ziehe
man gedanken
durch den raum
in grossem kreis

 

willst du haben
geh ohne wanken
berühr dein wünschen,
drück es heiss

aller schritt
hat sinn im leben
jede bewegung
bringt voran

nur ein stillstand
wär vergebens
auch dies ist leben,
ungetan.


                          traum - haft

ein traum ist niemals klar,
in ihm bieten denkfreiräume schutz.
ein  löcherner sinnesnebel bewahrt,
körperlos,
vor all zu vielen blicken.

er geht,
wohin er will.
und dies alles macht
den traum für mich
interessant und geheimnisvoll....

 

                               Vergleich

strahlengeblendet
hast du
echt gedacht
schön,
diese gleißende Zeit
Jedoch dunkles
nur
lernt Dir,
das wirklich
helle Herz
zu sehen.

 

wer wie was

wie weit ist es noch zu gehn
bis du wirklich richtig satt
wie viel siege müssen stehn
bis man sich bestätigt hat

wie hoch muss die latte hängen
die dein maßstab akzeptiert
wen willst du vom wege drängen
der dein tun nicht akzeptiert

warum gesteht man selten fehler
hat man vor sich selbst nur angst?
wo war man schon alles hehler
sagte nichts, obwohl was krankt.

 

wer darf nur bei andern suchen
was man selbst nicht zugesteht
will ein grosses stück vom kuchen
versteckt sich, wenn hier mühe weht

wie wird nun dein leben besser
woher nimmt man all die kraft?
sei selbst des gewissens messer,
denn du bist´s, der am meisten schafft.


                            wegen der fragen

Wo bin ich
wenn ich hier bin
warum bin ich
nicht dort
ist es hier besser
wäre ich da
gut aufgehoben
sollte ich bei
jenen sein
und zuletzt
nahm ich
überhaupt
Gedanke
und Zeit
um zu sehen
zu fühlen
zu spüren
wo
ich
gerade
bin?

 

zeiten-nebel

eine burg aus alten tagen
umspült von nebelwolken dicht
entsteigt bei jedem meiner schritte
aus diesem gemilch, nur innen licht.
wo´s klart, steh ich in der mitte.

an den windgefetzten rändern
dieser änderbaren welt
steht in wallenden gewändern
so mancher fromme held,
der wollt der welten laster ändern.

die mauern stehn trutzig
erbaut von händen klamm,
in kleidern verschlissen, schmutzig,
standen die erbauer im schlamm
nur des burgherrn plane nutzig.

 

der gab ihnen dafür brot
und kühles wasser zu essen
und schützte seine arbeitskraft.
man könnte ihn loben ob dessen
derweil ihm triefte bratensaft.

der junker, burgherr, fromme mann
hatte die hand an des schwertes knauf
und verfolgte nach belieben
täglich der burgen bauverlauf,
im geschichtsbuch ist nur er verblieben.


                              zeit los

am ende des tages
ist immerso wenig zeit übrig!
und doch trennt uns oft so viel zeit
von den zeiträumen, die wir lieben.